Liebe Gläubige, liebe Freunde und Wohltäter!
Mit dieser Ausgabe geht die Verantwortung für unseren Distrikt auf einen neuen Distriktoberen über. Deshalb möchten wir Ihnen ein Gespräch zwischen dem scheidenden und dem neuen Distriktoberen vorstellen.
MB: Am 22. März wurde die Ernennung eines neuen Oberen für den Distrikt Schweiz durch den Generaloberen, P. Davide Pagliarani, mit Zustimmung seines Rates bekanntgegeben. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
P. Thibaud Favre:
Diese Ernennung steht in engem Zusammenhang mit den Gesprächen, die ich mit unserem Generaloberen über die vergangenen sechs Jahre an der Spitze des Distrikts geführt habe. Anfang März hatten wir diesbezüglich einen ausführlichen Austausch. Zwei Wochen später rief mich P. Davide Pagliarani an, um mir mitzuteilen, dass P. Fabian Reiser zum neuen Oberen des Distrikts Schweiz ernannt worden war. Ich habe diese Nachricht mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen – nach mehreren Jahren voller Verantwortung mit all ihren Freuden, aber auch ihren Sorgen. Gleichzeitig begann eine Zeit des Wartens auf die neue Aufgabe, die mir anvertraut werden sollte. Es war also zugleich Dankbarkeit darüber, die Verantwortung weitergeben zu dürfen, und eine gewisse Erwartung angesichts des neuen Kapitels, das sich vor mir auftat.
P. Fabian Reiser:
Pater Favre hat mir diese Nachricht mitgeteilt. Er hat es mir in einem Videoanruf gesagt. Das war doch eine Überraschung für mich, und ich musste mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, ab dem kommenden Sommer der neue Distriktobere zu sein.
Ich bin erst seit zwei Jahren Rektor in Wangs. Deshalb dachte ich, dass eine neue Ernennung nicht so schnell auf mich zukommen würde. Und doch ist es so gekommen. Die Schwierigkeit für mich liegt darin, mich innerhalb kurzer Zeit ein zweites Mal auf die Übernahme einer neuen Aufgabe vorbereiten zu müssen. Aber ich vertraue auf die Hilfe des Herrn und kann zudem auf hervorragende Mitarbeiter zählen.
MB: Wie sehen Sie Ihrer neuen Aufgabe entgegen, bei der sich die bisherige Hierarchie gewissermassen umkehrt – der bisherige Obere wird zum Untergebenen seines Nachfolgers?
P. Favre:
Eigentlich ist dies eine ganz normale Situation in einer Ordensgemeinschaft und vielleicht noch mehr in der Priesterbruderschaft. Unsere Berufung verlangt von uns die Bereitschaft, jene Aufgaben anzunehmen, die uns anvertraut werden, und es ist selbstverständlich, dass sich die Verantwortlichkeiten im Laufe der Jahre verändern. Als Beispiel mag dienen, dass heute nicht weniger als sieben ehemalige Distriktobere ihren Dienst im Distrikt Schweiz ausüben.
Für mich persönlich stellt dies keinerlei Schwierigkeit dar – ganz im Gegenteil. Da ich P. Reiser kenne und seine Fähigkeiten bereits im Dienst des Distrikts erfahren durfte, freue ich mich sehr darauf, in dieser neuen Konstellation mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Verantwortungen ändern sich, das Ziel aber bleibt dasselbe: der Priesterbruderschaft, der Kirche und den Seelen zu dienen, die uns anvertraut sind.
Natürlich bringt jede neue Aufgabe auch einen gewissen Anteil an Ungewissheit mit sich. Falls Ihre Frage jedoch andeuten möchte, dass ein solcher Wechsel problematisch sein könnte, so sehe ich darin vielmehr einen Anlass, mich den Gebeten der Gläubigen zu empfehlen, damit wir stets den Willen Gottes in den Aufgaben erkennen, die Er uns anvertraut, und sie mit grösstmöglicher Hingabe erfüllen.
P. Reiser:
Darüber mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Ich pflege ein freundschaftliches und sehr brüderliches Verhältnis zu Pater Favre. Wir arbeiten seit zwei Jahren eng zusammen, auch wenn er mein Vorgesetzter war. Pater Favre hat mir nie den Eindruck vermittelt, dass die Hierarchie ein Hindernis für unsere Zusammenarbeit darstellte. Und das wird auch so bleiben, nur in umgekehrter Richtung.
Gleichzeitig ist es für mich auch eine grosse Freude festzustellen, dass eine solche Situation innerhalb der Kirche durchaus möglich ist. In einem Unternehmen wäre das vielleicht schwerer vorstellbar. Wir arbeiten, von einer tiefen Motivation erfüllt, für das Heil der Seelen. Die uns anvertraute Aufgabe ist zweitrangig. Und doch widmen wir uns diesem Dienst voll und ganz. Aber immer mit einer gewissen inneren Distanz, im Bewusstsein, dass sich die Dinge jederzeit ändern können.
MB: Sie sind nun seit zwölf Jahren Priester. Würden Sie unseren Lesern Ihren bisherigen priesterlichen Weg schildern und Ihre neue Aufgabe vorstellen?
P. Favre:
Sehr gerne. Nach meiner Priesterweihe war ich während etwas mehr als vier Jahren für die Kapelle in Delsberg verantwortlich. Dort durfte ich die Freuden des Apostolates kennenlernen, im Umgang mit grossherzigen Gläubigen, an die ich mich bis heute mit grosser Dankbarkeit erinnere.
Anschliessend durfte ich zwei schöne Jahre als Prior in Enney verbringen. Diese Zeit liess mich den Reichtum des Gemeinschaftslebens tiefer entdecken und zugleich meinen priesterlichen Dienst unter den Gläubigen fortsetzen. Danach wurde ich zum Oberen des Distrikts Schweiz ernannt, ein Amt, das ich während der vergangenen sechs Jahre ausüben durfte. Ich denke, die Leser unseres Mitteilungsblattes haben mich in dieser Funktion oft genug gesehen, sodass ich darauf nicht weiter eingehen muss.
Ab dem 15. August werde ich als Prior in Wil tätig sein. Dort erwartet mich eine lebendige Gemeinschaft und ein schönes Priorat, das sich trotz mancher Prüfungen in den vergangenen Jahren erfreulich entwickelt hat.
In gewisser Weise bedeutet diese Ernennung auch eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, denn das Amt des Priors habe ich bisher am kürzesten ausgeübt. Ich freue mich deshalb sehr auf diese neue Aufgabe. Sie besteht darin, zugleich der geistliche Vater einer Gemeinschaft und der Hirte der Gläubigen zu sein.
P. Reiser:
Als junger Priester war ich zwei Jahre lang in Saarbrücken (Deutschland) tätig, wo ich mich um die Schule kümmerte und im Priorat mithalf. Ausserdem betreute ich die Kapelle in Trier.
Anschliessend war ich acht Jahre lang für das Jugendapostolat der Katholischen Jugendbewegung in Deutschland verantwortlich. Das war eine wichtige und sehr schöne Aufgabe.
Im Jahr 2022 wurde ich im Rahmen der Jugendarbeit ins Haus Nazareth entsandt, um dort dieses kürzlich erworbene Haus einzurichten. Dieses Haus befindet sich in der Nähe unseres Priorats in Bonn.
Im Jahr 2024 wurde ich nach Wangs berufen, um dort das Rektorat zu leiten. Und neu darf ich mich um die Distriktleitung kümmern. Auch das ist eine schöne Aufgabe. Ich freue mich ganz besonders auf die Zusammenarbeit mit meinen Mitbrüdern, die das Herz unserer Bruderschaft bilden. Aber ich freue mich auch über das Vertrauen und die positive Einstellung der Gläubigen.
MB: Bedeutet dies auch einen Wechsel Ihrer Mitarbeiter? Werden Sie sich auf unbekanntes Terrain begeben?
P. Favre:
Eine neue Aufgabe bringt natürlich immer auch ein Stück Abenteuer mit sich. Jedes Apostolat hat seine eigene Geschichte und seine besonderen Herausforderungen. In diesem Fall begebe ich mich jedoch keineswegs in völlig unbekanntes Gebiet. Ich werde unter anderem P. Kopf wieder begegnen, der in den vergangenen Jahren mein Assistent war und weiterhin die Leitung der Schule innehaben wird. Ebenso freue ich mich auf das Wiedersehen mit P. Mörgeli, mit dem ich bereits zwei Jahre lang in Enney zusammenarbeiten durfte. Auch die Brüder, die Schwestern, die Lehrkräfte und einen grossen Teil der Gläubigen kenne ich bereits. Diese Ernennung hat daher eher den Charakter eines Wiedersehens als den eines wirklichen Neuanfangs.
Das schliesst freilich nicht aus, dass es noch vieles zu entdecken gibt. Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Geschichte, ihre Eigenheiten und ihre Erwartungen. Gerade das macht den Reiz einer neuen Aufgabe aus. Ich freue mich besonders darauf, das Leben dieser Gemeinschaft unmittelbarer zu teilen – mit ihren Verantwortungen und Herausforderungen, aber ebenso mit ihren Freuden. Nach mehreren Jahren, in denen die Anliegen des gesamten Distrikts im Vordergrund standen, wird es schön sein, wieder stärker den konkreten Alltag eines Priorates und den täglichen Kontakt mit den Gläubigen zu erleben.
P. Reiser:
Ein neuer Ort bringt immer auch neue Gewohnheiten mit sich. Man muss sich also erst einmal einleben und die Umgebung erkunden. Aber ich freue mich sehr, in Rickenbach Pater David Köchli wiederzusehen, der das Amt des Ökonoms innehat. Er war mein Schulleiter, als ich noch Schüler war. Auch Pater Philippe Lovey, den ersten Assistenten, kenne ich schon aus meiner Schulzeit; damals war er dort als Priester und Erzieher tätig.
Und Bruder David Maria, der bereits mein Mitarbeiter in Wangs ist. Er wird mit mir nach Rickenbach kommen und für den Distrikt arbeiten. Aber auch Bruder Franz kenne ich schon gut, seit der Zeit, als ich als Seminarist bei der Organisation des Flüeli-Wochenendes mitgeholfen habe.
Und schliesslich ist mein Bruder Dismas seit mehreren Jahren aktiv in der Distriktverwaltung in Rickenbach tätig. Er widmet ihr viel Zeit und Energie, stets mit dem Anliegen, einen positiven Beitrag zu leisten.
MB: Unsere Leser würden sich sicher freuen, wenn Sie eine Begebenheit oder ein Erlebnis schildern könnten, das Sie während Ihrer vergangenen Aufgabe besonders geprägt hat.
P. Favre:
Diese sechs Jahre in wenigen Worten zusammenzufassen, wäre schwierig, denn sie waren reich an Ereignissen, Freuden und auch an Prüfungen. Zu den grössten Tröstungen gehörte der grosszügige Einsatz so vieler Priester, Ordensleute und Gläubigen im Dienst der Kirche. Es gab aber auch schmerzliche Momente, insbesondere wenn uns Mitbrüder verlassen haben.
Wenn ich dennoch eine besonders prägende Erinnerung nennen müsste, würde ich Ihre Frage vielleicht ein wenig anders beantworten: Es wäre weniger eine Begebenheit als vielmehr eine Person – Bischof Vitus Huonder. Er gehört zweifellos zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten, denen ich in diesen Jahren begegnen durfte. Tief beeindruckt haben mich sein Gebetsleben, seine Liebe zur Kirche, seine Treue in den Prüfungen und seine Gelassenheit gegenüber den vielen Anfeindungen, denen er ausgesetzt war.
Ich möchte hier keinen Seligsprechungsprozess eröffnen. Dennoch glaube ich, dass sehr viele Menschen durch sein Beispiel tief erbaut wurden und dass wir vielleicht nicht immer genügend erkannt haben, welches Geschenk die Vorsehung der Schweiz mit einem solchen Bischof gemacht hat. Sein Beispiel bleibt für mich eine bleibende Quelle der Erbauung und gehört zu den kostbarsten Erinnerungen meiner Jahre im Dienst des Distrikts.
P. Reiser:
Während meines Aufenthalts in Wangs gab es immer wieder Momente, die mich tief berührt haben. Das war vor allem dann der Fall, wenn ich sah, dass die Schüler ihre Beziehung zu Gott wirklich lebten. Zum Beispiel, wenn sie abends vor der Mutter Gottes niederknieten und ihr ihr Herz öffneten. Wenn sie die Statue berührten und Maria mit strahlenden Augen ansahen. Da sagte ich mir: Mit Gottes Gnade haben wir gute Arbeit geleistet.
MB: Am 1. Juli fanden in Ecône neue Bischofsweihen statt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
P. Favre:
Zunächst war da der tiefe Eindruck einer Zeremonie, die Kirchengeschichte schreibt. Eine Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat ist niemals ein gewöhnliches Ereignis; sie betrifft die Zukunft der Kirche und bringt eine ausserordentliche Verantwortung mit sich. Man kann sich der Ernsthaftigkeit eines solchen Augenblicks und des Mutes, den eine solche Entscheidung verlangt, kaum entziehen.
Zugleich hatte diese Feier auch eine zutiefst menschliche Seite. Hinter der geschichtlichen Bedeutung standen vertraute Gesichter – Mitbrüder, mit denen wir Jahre im Seminar oder im priesterlichen Dienst verbracht hatten. So habe ich Bischof Schreiber zunächst als Prior und später als Distriktoberen kennengelernt, während ich mit Bischof Hannapier vor bald zwanzig Jahren gemeinsam ins Seminar eingetreten bin. Gerade dieser Kontrast zwischen der Grösse des empfangenen Amtes und der persönlichen Nähe zu den Geweihten machte die Feier besonders bewegend.
Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich angesichts der Reaktionen auf diese Weihen und der Missverständnisse, die sie teilweise ausgelöst haben, eine gewisse Traurigkeit empfunden habe. Letztlich widersprechen sich diese Empfindungen jedoch nicht. Das Kreuz vereint oft die Grösse der Pläne Gottes, die Einfachheit der Werkzeuge, deren Er sich bedient, und das Leid menschlicher Missverständnisse. Von all dem war an diesem 1. Juli etwas zu spüren.
P. Reiser:
Ich habe diese Bischofsweihe mit grosser Demut und im Geiste des Glaubens erlebt. Was sind wir in Gottes Händen? Blosse Werkzeuge, Diener seiner Gnade. Ich freue mich von ganzem Herzen, dass die Tradition in der Gnade unseres Herrn Jesus weiterleben kann. Und ich danke den Kandidaten dafür, dass sie den Mut hatten, diesen Weg einzuschlagen.
Letztendlich ist es eine heldenhafte Tat von Bischof de Galarreta und Bischof Fellay, die im Rahmen ihrer bischöflichen Verantwortung ihre Weihevollmacht weitergeben. Was würde aus all jenen Gläubigen werden, die nach der Taufe, der Beichte, der Firmung oder dem Priesteramt streben, diese Sakramente aber nicht mehr so leicht in diesem wunderbaren, geschützten Raum der Tradition empfangen könnten? Doch gerade zu diesem Zweck wurden die Sakramente Christi eingesetzt. Die Quelle der Gnade darf weder stocken noch versiegen.
MB: Sie stammen aus einer christlichen Familie, die der Tradition verbunden ist. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Familie für das Entstehen von Berufungen?
P. Favre:
Die Familie bleibt ohne Zweifel der erste Nährboden geistlicher Berufungen, weil man dort lernt, Gott zu lieben, zu beten und sich für andere hinzugeben. Wenn wir von Familien sprechen, die der Tradition verbunden sind, müssen wir jedoch etwas genauer sagen, was damit im tiefsten Sinn gemeint ist.
Berufungen entstehen nicht allein dadurch, dass eine Familie treu die Sonntagsmesse besucht. Entscheidend ist vielmehr, dass sie den Geist der Hingabe lebt. Eine Familie, die Kapelle, ihre Schulen und die Werke der Kirche unterstützt, sich für das Gemeinwohl einsetzt und ihre Kinder lehrt, dass das Leben seinen Sinn im Sich-Schenken findet – in einem solchen Klima kann eine Priester- oder Ordensberufung ganz natürlich heranwachsen.
Paradoxerweise wird eine katholische Familie keineswegs vor Prüfungen bewahrt. Im Gegenteil: Sie kennt ihre Kreuze, ihre Sorgen und ihre Opfer. Aber sie trägt zugleich die tiefe Überzeugung in sich, dass das wahre Glück nicht in der Selbstverwirklichung liegt, sondern im Dienst Gottes und des Nächsten. Vielleicht ist dies das schönste Erbe, das Eltern ihren Kindern weitergeben können.
Gerade darin liegt auch eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit. In einer Gesellschaft, die den Menschen häufig dazu anhält, vor allem sich selbst zu verwirklichen, ist es nicht leicht, den Geist der Selbsthingabe zu erlernen. Und doch liegen gerade in dieser Grossherzigkeit und Selbstvergessenheit die grössten Freuden. Berufungen entstehen nur selten in einer Atmosphäre der Bequemlichkeit; sie wachsen vielmehr dort, wo Menschen lernen zu dienen, sich einzusetzen und aus Liebe zu schenken.
P. Reiser:
Das ist nicht nur wichtig, sondern gewissermassen unverzichtbar. Was wir schon in der Kindheit erfahren haben, begleitet uns oft ein Leben lang. Auch junge Menschen, die diese Welt erst später entdecken, können ihrer Berufung aufrichtig und grosszügig folgen. Allerdings sind ihnen bestimmte Gegebenheiten anfangs nicht immer so vertraut. Sie brauchen Zeit, um sich mit der katholischen Kultur, Spiritualität und Atmosphäre vertraut zu machen.
Mit dieser Ausgabe geht die Verantwortung für unseren Distrikt auf einen neuen Distriktoberen über. Deshalb möchten wir Ihnen ein Gespräch zwischen dem scheidenden und dem neuen Distriktoberen vorstellen.
MB: Am 22. März wurde die Ernennung eines neuen Oberen für den Distrikt Schweiz durch den Generaloberen, P. Davide Pagliarani, mit Zustimmung seines Rates bekanntgegeben. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
P. Thibaud Favre:
Diese Ernennung steht in engem Zusammenhang mit den Gesprächen, die ich mit unserem Generaloberen über die vergangenen sechs Jahre an der Spitze des Distrikts geführt habe. Anfang März hatten wir diesbezüglich einen ausführlichen Austausch. Zwei Wochen später rief mich P. Davide Pagliarani an, um mir mitzuteilen, dass P. Fabian Reiser zum neuen Oberen des Distrikts Schweiz ernannt worden war. Ich habe diese Nachricht mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen – nach mehreren Jahren voller Verantwortung mit all ihren Freuden, aber auch ihren Sorgen. Gleichzeitig begann eine Zeit des Wartens auf die neue Aufgabe, die mir anvertraut werden sollte. Es war also zugleich Dankbarkeit darüber, die Verantwortung weitergeben zu dürfen, und eine gewisse Erwartung angesichts des neuen Kapitels, das sich vor mir auftat.
P. Fabian Reiser:
Pater Favre hat mir diese Nachricht mitgeteilt. Er hat es mir in einem Videoanruf gesagt. Das war doch eine Überraschung für mich, und ich musste mich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, ab dem kommenden Sommer der neue Distriktobere zu sein.
Ich bin erst seit zwei Jahren Rektor in Wangs. Deshalb dachte ich, dass eine neue Ernennung nicht so schnell auf mich zukommen würde. Und doch ist es so gekommen. Die Schwierigkeit für mich liegt darin, mich innerhalb kurzer Zeit ein zweites Mal auf die Übernahme einer neuen Aufgabe vorbereiten zu müssen. Aber ich vertraue auf die Hilfe des Herrn und kann zudem auf hervorragende Mitarbeiter zählen.
MB: Wie sehen Sie Ihrer neuen Aufgabe entgegen, bei der sich die bisherige Hierarchie gewissermassen umkehrt – der bisherige Obere wird zum Untergebenen seines Nachfolgers?
P. Favre:
Eigentlich ist dies eine ganz normale Situation in einer Ordensgemeinschaft und vielleicht noch mehr in der Priesterbruderschaft. Unsere Berufung verlangt von uns die Bereitschaft, jene Aufgaben anzunehmen, die uns anvertraut werden, und es ist selbstverständlich, dass sich die Verantwortlichkeiten im Laufe der Jahre verändern. Als Beispiel mag dienen, dass heute nicht weniger als sieben ehemalige Distriktobere ihren Dienst im Distrikt Schweiz ausüben.
Für mich persönlich stellt dies keinerlei Schwierigkeit dar – ganz im Gegenteil. Da ich P. Reiser kenne und seine Fähigkeiten bereits im Dienst des Distrikts erfahren durfte, freue ich mich sehr darauf, in dieser neuen Konstellation mit ihm zusammenzuarbeiten. Die Verantwortungen ändern sich, das Ziel aber bleibt dasselbe: der Priesterbruderschaft, der Kirche und den Seelen zu dienen, die uns anvertraut sind.
Natürlich bringt jede neue Aufgabe auch einen gewissen Anteil an Ungewissheit mit sich. Falls Ihre Frage jedoch andeuten möchte, dass ein solcher Wechsel problematisch sein könnte, so sehe ich darin vielmehr einen Anlass, mich den Gebeten der Gläubigen zu empfehlen, damit wir stets den Willen Gottes in den Aufgaben erkennen, die Er uns anvertraut, und sie mit grösstmöglicher Hingabe erfüllen.
P. Reiser:
Darüber mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Ich pflege ein freundschaftliches und sehr brüderliches Verhältnis zu Pater Favre. Wir arbeiten seit zwei Jahren eng zusammen, auch wenn er mein Vorgesetzter war. Pater Favre hat mir nie den Eindruck vermittelt, dass die Hierarchie ein Hindernis für unsere Zusammenarbeit darstellte. Und das wird auch so bleiben, nur in umgekehrter Richtung.
Gleichzeitig ist es für mich auch eine grosse Freude festzustellen, dass eine solche Situation innerhalb der Kirche durchaus möglich ist. In einem Unternehmen wäre das vielleicht schwerer vorstellbar. Wir arbeiten, von einer tiefen Motivation erfüllt, für das Heil der Seelen. Die uns anvertraute Aufgabe ist zweitrangig. Und doch widmen wir uns diesem Dienst voll und ganz. Aber immer mit einer gewissen inneren Distanz, im Bewusstsein, dass sich die Dinge jederzeit ändern können.
MB: Sie sind nun seit zwölf Jahren Priester. Würden Sie unseren Lesern Ihren bisherigen priesterlichen Weg schildern und Ihre neue Aufgabe vorstellen?
P. Favre:
Sehr gerne. Nach meiner Priesterweihe war ich während etwas mehr als vier Jahren für die Kapelle in Delsberg verantwortlich. Dort durfte ich die Freuden des Apostolates kennenlernen, im Umgang mit grossherzigen Gläubigen, an die ich mich bis heute mit grosser Dankbarkeit erinnere.
Anschliessend durfte ich zwei schöne Jahre als Prior in Enney verbringen. Diese Zeit liess mich den Reichtum des Gemeinschaftslebens tiefer entdecken und zugleich meinen priesterlichen Dienst unter den Gläubigen fortsetzen. Danach wurde ich zum Oberen des Distrikts Schweiz ernannt, ein Amt, das ich während der vergangenen sechs Jahre ausüben durfte. Ich denke, die Leser unseres Mitteilungsblattes haben mich in dieser Funktion oft genug gesehen, sodass ich darauf nicht weiter eingehen muss.
Ab dem 15. August werde ich als Prior in Wil tätig sein. Dort erwartet mich eine lebendige Gemeinschaft und ein schönes Priorat, das sich trotz mancher Prüfungen in den vergangenen Jahren erfreulich entwickelt hat.
In gewisser Weise bedeutet diese Ernennung auch eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, denn das Amt des Priors habe ich bisher am kürzesten ausgeübt. Ich freue mich deshalb sehr auf diese neue Aufgabe. Sie besteht darin, zugleich der geistliche Vater einer Gemeinschaft und der Hirte der Gläubigen zu sein.
P. Reiser:
Als junger Priester war ich zwei Jahre lang in Saarbrücken (Deutschland) tätig, wo ich mich um die Schule kümmerte und im Priorat mithalf. Ausserdem betreute ich die Kapelle in Trier.
Anschliessend war ich acht Jahre lang für das Jugendapostolat der Katholischen Jugendbewegung in Deutschland verantwortlich. Das war eine wichtige und sehr schöne Aufgabe.
Im Jahr 2022 wurde ich im Rahmen der Jugendarbeit ins Haus Nazareth entsandt, um dort dieses kürzlich erworbene Haus einzurichten. Dieses Haus befindet sich in der Nähe unseres Priorats in Bonn.
Im Jahr 2024 wurde ich nach Wangs berufen, um dort das Rektorat zu leiten. Und neu darf ich mich um die Distriktleitung kümmern. Auch das ist eine schöne Aufgabe. Ich freue mich ganz besonders auf die Zusammenarbeit mit meinen Mitbrüdern, die das Herz unserer Bruderschaft bilden. Aber ich freue mich auch über das Vertrauen und die positive Einstellung der Gläubigen.
MB: Bedeutet dies auch einen Wechsel Ihrer Mitarbeiter? Werden Sie sich auf unbekanntes Terrain begeben?
P. Favre:
Eine neue Aufgabe bringt natürlich immer auch ein Stück Abenteuer mit sich. Jedes Apostolat hat seine eigene Geschichte und seine besonderen Herausforderungen. In diesem Fall begebe ich mich jedoch keineswegs in völlig unbekanntes Gebiet. Ich werde unter anderem P. Kopf wieder begegnen, der in den vergangenen Jahren mein Assistent war und weiterhin die Leitung der Schule innehaben wird. Ebenso freue ich mich auf das Wiedersehen mit P. Mörgeli, mit dem ich bereits zwei Jahre lang in Enney zusammenarbeiten durfte. Auch die Brüder, die Schwestern, die Lehrkräfte und einen grossen Teil der Gläubigen kenne ich bereits. Diese Ernennung hat daher eher den Charakter eines Wiedersehens als den eines wirklichen Neuanfangs.
Das schliesst freilich nicht aus, dass es noch vieles zu entdecken gibt. Jede Gemeinschaft hat ihre eigene Geschichte, ihre Eigenheiten und ihre Erwartungen. Gerade das macht den Reiz einer neuen Aufgabe aus. Ich freue mich besonders darauf, das Leben dieser Gemeinschaft unmittelbarer zu teilen – mit ihren Verantwortungen und Herausforderungen, aber ebenso mit ihren Freuden. Nach mehreren Jahren, in denen die Anliegen des gesamten Distrikts im Vordergrund standen, wird es schön sein, wieder stärker den konkreten Alltag eines Priorates und den täglichen Kontakt mit den Gläubigen zu erleben.
P. Reiser:
Ein neuer Ort bringt immer auch neue Gewohnheiten mit sich. Man muss sich also erst einmal einleben und die Umgebung erkunden. Aber ich freue mich sehr, in Rickenbach Pater David Köchli wiederzusehen, der das Amt des Ökonoms innehat. Er war mein Schulleiter, als ich noch Schüler war. Auch Pater Philippe Lovey, den ersten Assistenten, kenne ich schon aus meiner Schulzeit; damals war er dort als Priester und Erzieher tätig.
Und Bruder David Maria, der bereits mein Mitarbeiter in Wangs ist. Er wird mit mir nach Rickenbach kommen und für den Distrikt arbeiten. Aber auch Bruder Franz kenne ich schon gut, seit der Zeit, als ich als Seminarist bei der Organisation des Flüeli-Wochenendes mitgeholfen habe.
Und schliesslich ist mein Bruder Dismas seit mehreren Jahren aktiv in der Distriktverwaltung in Rickenbach tätig. Er widmet ihr viel Zeit und Energie, stets mit dem Anliegen, einen positiven Beitrag zu leisten.
MB: Unsere Leser würden sich sicher freuen, wenn Sie eine Begebenheit oder ein Erlebnis schildern könnten, das Sie während Ihrer vergangenen Aufgabe besonders geprägt hat.
P. Favre:
Diese sechs Jahre in wenigen Worten zusammenzufassen, wäre schwierig, denn sie waren reich an Ereignissen, Freuden und auch an Prüfungen. Zu den grössten Tröstungen gehörte der grosszügige Einsatz so vieler Priester, Ordensleute und Gläubigen im Dienst der Kirche. Es gab aber auch schmerzliche Momente, insbesondere wenn uns Mitbrüder verlassen haben.
Wenn ich dennoch eine besonders prägende Erinnerung nennen müsste, würde ich Ihre Frage vielleicht ein wenig anders beantworten: Es wäre weniger eine Begebenheit als vielmehr eine Person – Bischof Vitus Huonder. Er gehört zweifellos zu den beeindruckendsten Persönlichkeiten, denen ich in diesen Jahren begegnen durfte. Tief beeindruckt haben mich sein Gebetsleben, seine Liebe zur Kirche, seine Treue in den Prüfungen und seine Gelassenheit gegenüber den vielen Anfeindungen, denen er ausgesetzt war.
Ich möchte hier keinen Seligsprechungsprozess eröffnen. Dennoch glaube ich, dass sehr viele Menschen durch sein Beispiel tief erbaut wurden und dass wir vielleicht nicht immer genügend erkannt haben, welches Geschenk die Vorsehung der Schweiz mit einem solchen Bischof gemacht hat. Sein Beispiel bleibt für mich eine bleibende Quelle der Erbauung und gehört zu den kostbarsten Erinnerungen meiner Jahre im Dienst des Distrikts.
P. Reiser:
Während meines Aufenthalts in Wangs gab es immer wieder Momente, die mich tief berührt haben. Das war vor allem dann der Fall, wenn ich sah, dass die Schüler ihre Beziehung zu Gott wirklich lebten. Zum Beispiel, wenn sie abends vor der Mutter Gottes niederknieten und ihr ihr Herz öffneten. Wenn sie die Statue berührten und Maria mit strahlenden Augen ansahen. Da sagte ich mir: Mit Gottes Gnade haben wir gute Arbeit geleistet.
MB: Am 1. Juli fanden in Ecône neue Bischofsweihen statt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
P. Favre:
Zunächst war da der tiefe Eindruck einer Zeremonie, die Kirchengeschichte schreibt. Eine Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat ist niemals ein gewöhnliches Ereignis; sie betrifft die Zukunft der Kirche und bringt eine ausserordentliche Verantwortung mit sich. Man kann sich der Ernsthaftigkeit eines solchen Augenblicks und des Mutes, den eine solche Entscheidung verlangt, kaum entziehen.
Zugleich hatte diese Feier auch eine zutiefst menschliche Seite. Hinter der geschichtlichen Bedeutung standen vertraute Gesichter – Mitbrüder, mit denen wir Jahre im Seminar oder im priesterlichen Dienst verbracht hatten. So habe ich Bischof Schreiber zunächst als Prior und später als Distriktoberen kennengelernt, während ich mit Bischof Hannapier vor bald zwanzig Jahren gemeinsam ins Seminar eingetreten bin. Gerade dieser Kontrast zwischen der Grösse des empfangenen Amtes und der persönlichen Nähe zu den Geweihten machte die Feier besonders bewegend.
Ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich angesichts der Reaktionen auf diese Weihen und der Missverständnisse, die sie teilweise ausgelöst haben, eine gewisse Traurigkeit empfunden habe. Letztlich widersprechen sich diese Empfindungen jedoch nicht. Das Kreuz vereint oft die Grösse der Pläne Gottes, die Einfachheit der Werkzeuge, deren Er sich bedient, und das Leid menschlicher Missverständnisse. Von all dem war an diesem 1. Juli etwas zu spüren.
P. Reiser:
Ich habe diese Bischofsweihe mit grosser Demut und im Geiste des Glaubens erlebt. Was sind wir in Gottes Händen? Blosse Werkzeuge, Diener seiner Gnade. Ich freue mich von ganzem Herzen, dass die Tradition in der Gnade unseres Herrn Jesus weiterleben kann. Und ich danke den Kandidaten dafür, dass sie den Mut hatten, diesen Weg einzuschlagen.
Letztendlich ist es eine heldenhafte Tat von Bischof de Galarreta und Bischof Fellay, die im Rahmen ihrer bischöflichen Verantwortung ihre Weihevollmacht weitergeben. Was würde aus all jenen Gläubigen werden, die nach der Taufe, der Beichte, der Firmung oder dem Priesteramt streben, diese Sakramente aber nicht mehr so leicht in diesem wunderbaren, geschützten Raum der Tradition empfangen könnten? Doch gerade zu diesem Zweck wurden die Sakramente Christi eingesetzt. Die Quelle der Gnade darf weder stocken noch versiegen.
MB: Sie stammen aus einer christlichen Familie, die der Tradition verbunden ist. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Familie für das Entstehen von Berufungen?
P. Favre:
Die Familie bleibt ohne Zweifel der erste Nährboden geistlicher Berufungen, weil man dort lernt, Gott zu lieben, zu beten und sich für andere hinzugeben. Wenn wir von Familien sprechen, die der Tradition verbunden sind, müssen wir jedoch etwas genauer sagen, was damit im tiefsten Sinn gemeint ist.
Berufungen entstehen nicht allein dadurch, dass eine Familie treu die Sonntagsmesse besucht. Entscheidend ist vielmehr, dass sie den Geist der Hingabe lebt. Eine Familie, die Kapelle, ihre Schulen und die Werke der Kirche unterstützt, sich für das Gemeinwohl einsetzt und ihre Kinder lehrt, dass das Leben seinen Sinn im Sich-Schenken findet – in einem solchen Klima kann eine Priester- oder Ordensberufung ganz natürlich heranwachsen.
Paradoxerweise wird eine katholische Familie keineswegs vor Prüfungen bewahrt. Im Gegenteil: Sie kennt ihre Kreuze, ihre Sorgen und ihre Opfer. Aber sie trägt zugleich die tiefe Überzeugung in sich, dass das wahre Glück nicht in der Selbstverwirklichung liegt, sondern im Dienst Gottes und des Nächsten. Vielleicht ist dies das schönste Erbe, das Eltern ihren Kindern weitergeben können.
Gerade darin liegt auch eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit. In einer Gesellschaft, die den Menschen häufig dazu anhält, vor allem sich selbst zu verwirklichen, ist es nicht leicht, den Geist der Selbsthingabe zu erlernen. Und doch liegen gerade in dieser Grossherzigkeit und Selbstvergessenheit die grössten Freuden. Berufungen entstehen nur selten in einer Atmosphäre der Bequemlichkeit; sie wachsen vielmehr dort, wo Menschen lernen zu dienen, sich einzusetzen und aus Liebe zu schenken.
P. Reiser:
Das ist nicht nur wichtig, sondern gewissermassen unverzichtbar. Was wir schon in der Kindheit erfahren haben, begleitet uns oft ein Leben lang. Auch junge Menschen, die diese Welt erst später entdecken, können ihrer Berufung aufrichtig und grosszügig folgen. Allerdings sind ihnen bestimmte Gegebenheiten anfangs nicht immer so vertraut. Sie brauchen Zeit, um sich mit der katholischen Kultur, Spiritualität und Atmosphäre vertraut zu machen.